(Bild: Fotolia, Quelle: http://www.wiwo.de/erfolg/management-der-zukunft/veraenderungen-am-arbeitsmarkt-diese-fachkraefte-braucht-die-welt-/19391644.html)

2013 wusste kaum jemand, was ein Data Scientist ist, 2017 gehören sie zu den gefragtesten Berufsgruppen. Nur eine Berufsgruppe ist derzeit weltweit noch gefragter. Doch damit ergibt sich auch ein großes Problem.

Wer sich mit der Digitalisierung der deutschen Wirtschaft beschäftigt, kommt um den Dreiklang Fachkräfte – Mangel – IT-Experten nicht herum. Derzeit gibt es in Deutschland 51.000 offene Stellen für IT-Spezialisten, das entspricht einem Anstieg um fast 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das zeigt eine Studie des Digitalverbands Bitkom.

Ohne Daten-Experten geht nichts mehr

Seit dem Jahr 2014 gebe es einen gesteigerten Bedarf an Daten-Experten: Big Data Scientists, Data Strategists, Data Security Manager. „Es gibt die, die die Daten sammeln, die Daten aufbereiten, Daten visualisieren, die sich mit der Datensicherheit beschäftigen und die die Daten zu einem Produkt machen und es an den Kunden bringen“, sagt von Hahn.

Und gerade die Vertriebsspezialisten sind europaweit Mangelware, wie eine Studie des Recrutingspezialisten Korn Ferry Futurestep zeigt, die WirtschaftsWoche Online vorliegt. 22 Prozent der HR-Verantwortlichen europaweit fehlen Vertriebsmitarbeiter, außerdem Ingenieure und IT-Spezialisten. Kein Problem haben die Unternehmen dagegen bei der Rekrutierung von Finanzfach- und Kaufleuten.

Nach Appellen der Wirtschaft und Studien wie denen von Bitkom mag man es eigentlich kaum glauben, dass Vertriebler die seltenste Spezies auf dem Arbeitsmarkt sind. Aber tatsächlich gaben nur 14 Prozent der befragten Personalchefs aus Europa an, dass es für sie schwierig sei, IT-Experten zu finden.
„Entscheidend ist es hier, genau hinzuschauen: Klassische IT-Experten werden seit vielen Jahren auch in Europa, insbesondere in Deutschland, exzellent ausgebildet“, sagt Jan Müller, der bei Korn Ferry Futurestep für das Geschäft in Europa und dem Nahen Osten zuständig ist. Richtig schwer werde es für Unternehmen aber, wenn es um Spezialisten für Themen wie Cyber-Sicherheit, Datenanalytik oder Digitalisierung gehe. Diese IT-Experten gebe es in Europa nämlich nur vereinzelt. Genauso wie die gesuchten Vertriebler, die heute längst nichts mehr mit Staubsaugervertretern zu tun haben.

Der Staubsaugervertreter hat ausgedient

„Die Vertriebler, die heute händeringend gesucht werden, sind sehr häufig studierte IT-Experten, Ingenieure und Maschinenbauer. Die Kombination aus einem MINT-Studium und großen kommunikativen Fähigkeiten macht diese Leute rar“, sagt Müller. Während es früher vielleicht gereicht hat, einem Eskimo den sprichwörtlichen Kühlschrank aufzuschwatzen, muss ein moderner Vertriebler diesen Kühlschrank im Zweifelsfall auseinandernehmen, wieder zusammensetzen und die Einzelteile erläutern können. „Nur gut verkaufen und reden können, das reicht nicht“, sagt Müller. „Die meisten Produkte sind mittlerweile so komplex, dass hohes technisches Know-how notwendig ist. Da kommen viele klassische Vertriebler mit nicht-technischem Hintergrund kaum mit.“

Ohne Weiterbildung keine passenden Experten

Am stärksten nachgefragt sind Ingenieure, die im Vertrieb arbeiten können und wollen. Danach folgen IT-Experten und Maschinenbauer. „Wer das Technikverständnis hat und dazu die kommunikativen Fähigkeiten, der hat glänzende Jobaussichten und wird gut verdienen“, so Müller. Und das gilt nicht nur in Europa. Auch in Asien gehören spezialisierte Vertriebsmitarbeiter zu einer der am meisten gesuchten Berufsgruppe.

Dafür sind die asiatischen Länder bei den Data Jobs führend, wie die Korn Ferry-Studie zeigt. „Sie haben mehr Nachwuchs, ein gutes Ökosystem für Bildung und anders als bei uns ist die Ausbildung top down organisiert: Die Regierung gibt vor, was gebraucht wird“. Das sei unter demokratischen Gesichtspunkten natürlich kritisch zu bewerten, habe aber den Effekt, dass sich Ausbildung direkter steuern lasse.

Deutschland hat bei der Ausbildung geschlafen

Gerade was die Ausbildung für die neuentstandenen Berufe angeht, hinke Europa den Asiaten hinterher. „Cybersecurity ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir in Deutschland geschlafen und das Thema nicht ernst genug genommen haben“, sagt er. Seit drei Jahren wachse der Bedarf an diesen Spezialisten, aber eine standarisierte Ausbildung dieser Fachkräfte gebe es nur an ganz wenigen Standorten.

Tatsächlich bieten nur fünf von 64 deutschen Unis, an denen Informatik gelehrt wird, einen Studiengang für IT- und Cyber-Sicherheit an. „Es fehlt an Dozenten. Und das Bildungssystem ist nicht flexibel genug, um sich schnell an den Bedarf anzupassen“, ergänzt Müller.

Hochschulabsolventen müssen nach Bedarf weitergebildet werden

Deshalb sind stattdessen die Unternehmen gezwungen, sich an den Mangel anzupassen und ihre eigenen Experten auszubilden, wie die Personalverantwortliche von Hahn erklärt. Bei Telefónica setze man auf Mitarbeiter frisch von der Hochschule, die intern für den eigenen Bedarf weitergebildet werden.
Mit Trainings und Weiterbildungsprogrammen sollen aus dem Fachinformatiker für Anwendungsentwicklungen ein Experten für Datensicherheit oder aus dem Betriebswirt mit Schwerpunkt Marketing ein Take-to-Market Analysten gemacht werden. „Wenn wir jemanden aus einem anderen Unternehmen herauskaufen würden, bin ich mir ziemlich sicher, dass er bei uns nur so lange bleiben würde, bis er das nächste Angebot bekommt“, sagt von Hahn.

Außerdem ist das Unternehmen im vergangenen Jahr eine Partnerschaft mit der Lern- und Weiterbildungsplattform Udacity eingegangen, von der sich von Hahn Kontakt zu jungen Experten verspricht. Diese stammt aus dem Silicon Valley und gilt als einer der führenden Anbieter von Online-Weiterbildungskursen im IT-Bereich.
Bei dem gemeinsamen Programm „Predictive Analytics for Business“ sollen sich die Teilnehmer zu genau den Spezialisten weiterbilden, die auch das Telekommunikationsunternehmen braucht. Außerdem arbeitet das Unternehmen in Projekten mit der Ludwig-Maximilian-Universität München zusammen, an der es seit dem Wintersemester 2016 die Masterstudiengänge „Data Science“ und „Media, Management and Digital Technologies“ gibt.

Neue Wege im Recruiting: „Diese Leute suchen nicht primär einen Job“

Unabhängig von der eigenen Aus- und Weiterbildung sei es wichtig, die ohnehin knappen Experten nicht auf altmodische Weise finden zu wollen. „Die digitalen Talente sind über traditionelle Kanäle fast nicht mehr zu finden“, sagt von Hahn. „Diese Leute erreichen wir in Meet-ups und Expertenforen und weniger bei Xing.“ Telefónica habe deshalb im vergangenen Jahr einen Datathon veranstaltet, also einen Hackathon für Datenanalysten. „Solche Veranstaltungen sind eine gute Chancen, mit den Talenten in Kontakt zu kommen. Denn diese Leute suchen nicht primär einen Job, sondern wollen sich mit Daten beschäftigen und ein Problem lösen“, sagt von Hahn.

Über diese Veranstaltung sei es dem Unternehmen gelungen, eine junge Data Scientistin für die Arbeit im Unternehmen zu begeistern und an Bord zu holen. „Um digital erfolgreich zu sein, brauchen wir digitale Talente vom Azubi bis zur erfahrenen Führungskraft“, sagt von Hahn. Beide wachsen genauso wenig auf Bäumen, wie die Ingenieure, die im Vertrieb arbeiten können und wollen. Deshalb gilt auch bei dieser Berufsgruppe: Wenn keine Experten zu haben sind, müssen die eigenen Leute zu Experten gemacht werden. Und mit Sicherheit gibt es in jeder Entwicklungsabteilung einen kommunikativen Ingenieur, Informatiker oder sonstigen Fachmann, der sich durch entsprechende Trainings zum Vertriebsspezialisten weiterbilden lässt.