Ein Schlagwort fasst den Grundsatz der Realschule Broich (grob) zusammen: Kompetenz. Die will das Lehrerteam rund um Schulleiter Wolfgang Dahmen den Schülern vermitteln. Unterrichtswissen ist natürlich gemeint, doch vor allem die Fähigkeit der Jugendlichen, eigene Zukunftsperspektiven zu entwickeln. „Wir wollen“, sagt Wolfgang Dahmen, „die Schüler kompetent machen in ihren Entscheidungen.“

Sprachen und Naturwissenschaften sind gleichermaßen Schwerpunkte der Broicher Realschule. Es gibt biliguale Klassen, deren Schüler zunächst verstärkt Englischunterricht haben, bevor weitere Fächer, wie Geschichte, Erdkunde und Politik, in der Fremdsprache unterrichtet werden. Französisch steht zudem ab der fünften Klasse auf dem Stundenplan. Zugleich gibt es MINT-Klassen. Die Anfangsbuchstaben stehen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik und für die Bereiche, die in den Klassen von der fünften bis zehnten Klasse einen Schwerpunkt in Theorie und experimenteller Praxis bilden.

Ab der fünften Klasse spezialisieren

Damit können sich Schüler ab der fünften Klasse spezialisieren. Dass es meist Mädchen sind, die sich auf die Sprachen konzentrieren, während die Jungs die Naturwissenschaften bevorzugen, bestätigt das Klischee. Eigen ist beiden Bereichen laut Wolfgang Dahmen aber, dass „die Leistungsbereitschaft der Schüler gefördert“ wird. Zudem geht der Blick der Pädagogen von Beginn an auf das Ende und auf das, was nach dem Abschluss an der Realschule kommt – meistens ist es noch mehr Schule.

„Von 130 Schülern, die wir entlassen, gehen 60, 70 weiter aufs Gymnasium“, weiß der Schulleiter. Ein typisch Mülheimer Trend sei das. „Die Schüler haben das Gefühl, sie brauchen Abitur “, sagt Mathelehrerin Sandra Komm, die weiß, wie schwierig es ist, dem etwas entgegenzusetzen. Wolfgang Dahmen sieht die Ursache oft in der Erwartungen der Eltern. So gehen nur rund 30 Jugendliche eines Jahrgangs nach dem Realschulabschluss in eine Ausbildung.

Nur 30 Schüler gehen in Ausbildung

Darauf reagiert das Realschul-Team mit gezielten Maßnahmen: Weil viele aufs Wirtschaftsgymnasium wechseln und dort Spanisch Pflicht ist, gibt es eine vorbereitende Spanisch-AG. Es bestehen Kooperationen mit den Berufskollegs Kluse und Lehnerstraße, mit dem Karl-Ziegler-Gymnasium und mit der Hochschule Ruhr West. Zudem ist die Realschule Europaschule, ermöglicht daher Praktika in England und Frankreich.

Und natürlich darf ein dritter, wichtiger Bereich nicht vergessen werden: Die Schüler können „Grafik und Design“ wählen, das wie ein Hauptfach ist. Die Schüler lernen die Grundlagen der Gestaltung, die Handhabung von Computerprogrammen. Ein Einblick ins wahre Berufsleben sei das, sagt Lehrerin Carmen Speckin. „Die Schüler müssen mit ihren Kunden umgehen, mit Kritik und lernen, ihre Arbeit zu vertreten und ihr Produkt zu verkaufen.“ Dieser Bereich ist übrigens unisexuell: Jungen wie Mädchen wählen ihn und letztlich häufig einen kreativen Beruf: „Viele Ehemalige machen nun eine Ausbildung zum Mediengestalter.“

Förderstunden nach einer Fünf

Die Realschule Broich hat zwar einen MINT-Schwerpunkt, doch erleben die Mathelehrer immer wieder, dass vielen Schülern ihr Fach schwerfällt. Die Pädagogen reagieren darauf mit gezielten Förderstunden und einem, wie Lehrerin Sabine Birkner sagt, „flexiblen System“.

Schüler, die in einer Klassenarbeit eine Fünf schreiben erhalten zusätzliche Förderstunden. In kleinen Lerngruppen wird der Stoff, der ihnen Probleme bereitet, wiederholt und nachgearbeitet. Wird die Mathenote dann wieder besser, muss der Jugendliche diese Stunden nicht mehr besuchen. Eben das meint Mathelehrerin Katja Neumann mit Flexibilität, „um Schüler nicht zu stigmatisieren“.

Vielen Schülern fällt Mathe schwer

An der Realschule Broich werden zudem aktuell differenzierte Klassenarbeiten geschrieben. Es ist ein Versuch, bei dem gute wie schlechte Schüler auf ihr Können zugeschnittene Arbeiten bekommen. Dabei gehe es aber nicht darum, den Notendurchschnitt künstlich zu verbessern, sondern vielmehr darum, wie Lehrerin Isabell Sauer sagt, „den Schülern zu vermitteln, dass sie etwas schaffen können“.

Immerhin macht es laut Schulleiter Wolfgang Dahmen „keinen Sinn, den Schülern ununterbrochen vorzuhalten: Du bist zu doof. Vielmehr müssen wir ein System entwickeln, damit sie das rettende Ufer erreichen.“ Durch Selbstvertrauen, so hoffen die Lehrer, kann der Kreislauf „einmal Fünf, immer Fünf“ durchbrochen werden. Denn der stellt die Pädagogen selbst vor ein Rätsel: „Kein Mensch weiß, warum das ein Problem ist, aber es ist eins.“